Leserbrief an die Heilbronner Stimme – ungekürzt

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Leserbrief von Hans O. an die Heilbronner Stimme: „Die Mängel des Projekts Stuttgart 21 müssen weiterhin benannt werden. Die Volksabstimmung ergab zwar eine Mehrheit gegen den Ausstieg zum „Preis“ von 1,5 Milliarden. Aber nur, weil wir Amateure gegen mit viel Geld ausgestattete Profis nicht genügend klar machen konnten, dass die vielen Milliarden für den Weiterbau erst recht zum Fenster hinausgeworfen wären. Laut Stresstest soll S21 etwa ein Drittel mehr Züge bewältigen, als der Kopfbahnhof heute bewältigt. Aber bevor die S-Bahnen unter die Erde verlegt wurden, hat der Kopfbahnhof schon weit mehr geleistet, ganz zu schweigen von dem, was ein modernisierter Kopfbahnhof leisten könnte. Zudem ergab der Stresstest auch, dass bei S21 bei Verspätungen das Chaos einträte, weil sich zwei Züge einen Bahnsteig teilen müssen. Beim Stresstest testete die Bahn sich selbst und schloss die Gegner entgegen der Vereinbarung aus. Lange vor der Präsentation ließ sie überall verkünden, der Stresstest sei bestanden. Als Heiner Geißler und das Gutachterbüro SMA nach der Präsentation vorschlugen, den Kopfbahnhof zu erhalten und den Tiefbahnhof mit nur 4 Gleisen zu bauen, wurde das einfach nicht ernst genommen.

An vorderster Stelle der angeblichen Ausstiegskosten von 1,5 Milliarden stand der durch S21 erzielbare Landgewinn. Tatsächlich kann man aber auch das Gleisfeld auf Stelzen überbauen. S21 wäre ein Stromfresser (und würde den Atomausstieg schwieriger machen), nicht zuletzt wegen des für alle Zeiten notwendigen Grundwasser-Managements. (Ständig müsste Grundwasser hoch gepumpt, geklärt und wieder in die Tiefe gepresst werden). Der Kraftstoffverbrauch beim Wegtransport der ungeheuren Erdmassen würde die Klimaerwärmung verhängnisvoll vorantreiben. Es wurden Zeitgewinne für ausgesuchte Verbindungen (etwa zum Flughafen) hervorgehoben. Doch für die meisten Verbindungen brächte S21 Zeitverluste, vor allem, weil Vorortzüge nicht vor den Fernzügen einfahren und nach ihnen wieder ausfahren könnten (integraler Taktfahrplan). Zudem wäre S21 mit den ultra-kurzen Haltezeiten, der Enge auf den Bahnsteigen, der fehlenden Barrierefreiheit und der fast aussichtslosen Lage bei einem Brand alles andere als kundenfreundlich. Eine zukünftige Erweiterung im Untergrund ist unmöglich.

Manches „unverzichtbare“ Großprojekt scheiterte schon. Die atomare Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf wurde zwar gegen große Widerstände gebaut, aber danach nie in Betrieb genommen. Die Politik hatte wieder einmal Milliarden in den Sand gesetzt. Die technischen Probleme beim Bau des Dükers für den Nesenbach (unter dem Tiefbahnhof hindurch) scheinen momentan unlösbar zu sein. Und es gibt für S21 eine Obergrenze der Summe, die die grün-rote Landesregierung der Bahn für S21 zuschießen wird. Wer trägt darüber hinaus gehende Kosten?
Kann man die Milliarden nicht besser verwenden als für dieses Prestigeobjekt?
(teilweise abgedruckt am 23.1.2012)